Welttourismustag: Wer profitiert wirklich von Tourismuseinnahmen?

27. September 2026

Lynn

Tourismus als Wertschöpfungskette, von der alle profitieren (sollten)

Tourismus darf kein reines Extraktionsmodell sein. Eine zukunftsfähige Branche muss in erster Linie der lokalen Gemeinschaft dienen, anstatt bezahlbaren Wohnraum zu verdrängen, Infrastrukturen zu überlasten und Arbeitskräfte im Niedriglohnsektor auszubeuten. Wenn der wirtschaftliche Ertrag größtenteils im Ausland landet, während die ökologischen und sozialen Kosten vor Ort getragen werden, verkommt Reisewachstum zu einer Form des Neokolonialismus.

Case Study Bali: Der Scheinvorteil ausländischen Kapitals

Ein prägnantes Beispiel für diese Fehlentwicklung erleben wir schon länger auf Bali. Die indonesische Regierung greift derzeit immer härter durch und verschärft Gesetze sowie Kontrollen, um dem Wildwuchs Einhalt zu gebieten. Das Kernproblem dabei:

  • Digitale Nomad*innen & Expat-Business: Immer mehr Expats gründen Unternehmen über ausländische Konstrukte. Wellness-Retreats, Yoga-Schulen und Boutiquen werden von Menschen aus dem globalen Norden für Menschen aus dem globalen Norden betrieben. Dabei nutzen sie die kostengünstige Infrastruktur vor Ort, verdienen aber in harter Währung wie Euro oder Dollar.

  • Wertschöpfung am Zielort vorbei: Das eingebrachte ausländische Kapital, das theoretisch die lokale Wirtschaft stärken sollte, sickert damit an der einheimischen Bevölkerung vorbei.

  • Verdrängung: Einheimische werden aus ihren angestammten Wohn- und Arbeitsbereichen verdrängt, während die Wertschöpfungskette homogen geprägt bleibt.

Gegenbeispiel El Gouna: Geplante Ganzheitlichkeit und lokale Wertschöpfung

Dass Tourismusentwicklung auch mit Weitblick funktionieren kann, zeigt ein Blick ins ägyptische El Gouna. Was ursprünglich als Reißbrett-Projekt an der Küste des Roten Meeres begonnen hat, hat sich zu einem Best-Practice-Beispiel für funktionierende Mikrowirtschaften entwickelt.

Anstatt eine isolierte All-Inclusive-Blase zu schaffen, ist hier eine eigenständige, funktionierende Stadt entstanden. Der entscheidende Unterschied liegt im Ansatz der integrierten Wertschöpfung:

  • Lokale Beschäftigung mit Perspektive: Ein Großteil der Mitarbeiter*innen lebt mit ihren Familien direkt in der Region. Es gibt Kindergärten, Schulen, ein Krankenhaus, Sportstätten und andere Einrichtungen für das tägliche Leben.

  • Keine Ressort-Enklave: Durch das Open-Street-Konzept und eigene Restaurant-Plattformen profitieren lokale Gastronom*innen und Gewerbetreibende direkt von den Ausgaben der Gäst*innen. Das Geld bleibt im Zielgebiet und zirkuliert vor Ort.

  • Nachhaltiges Ressourcenmanagement: Die Destination setzt stark auf eigene Entsalzungsanlagen, Solarenergie und ein konsequentes Mülltrennungssystem, um die Umweltbelastung für die Region so gering wie möglich zu halten.

El Gouna beweist: Wenn eine Destination von vornherein als ganzheitlicher Lebens- und Wirtschaftsraum gedacht wird, gewinnen Gäst*innen und Locals gleichermaßen. Dieses konsequente Streben nach nachhaltiger Stadt- und Tourismusentwicklung ist auch international nicht unbemerkt geblieben. Als erste Stadt in der gesamten MENA-Region (Naher Osten und Nordafrika) hat El Gouna den begehrten Global Green City Award des Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) erhalten. Eine Auszeichnung, die eindrucksvoll beweist: Wenn eine Destination von Beginn an als ganzheitlicher Wirtschafts- und Sozialraum konzipiert wird, entsteht eine echte Win-win-Situation für Gäst*innen, Investor*innen und die lokale Bevölkerung.

Re-Connecting: Warum wir die ökonomische Brücke neu schlagen müssen

Auch wenn viele Reisende das Ziel verfolgen, ein möglichst authentisches Bild ihres Reiseziels zu gewinnen, bleibt Tourismus in der Praxis häufig eine inszenierte Kulisse. Doch genau an dieser Stelle muss ein Umdenken einsetzen: Es reicht längst nicht mehr aus, Tourist*innen nur emotionale Erlebnisse zu verkaufen, während die ökonomische Realität vor Ort ausgeblendet wird. Wenn wir von Zukunftsfähigkeit sprechen, müssen wir die ökonomische Verbindung zwischen den Reisenden und der lokalen Bevölkerung wiederherstellen und transparent gestalten.

Das bedeutet für die gesamte Wertschöpfungskette – von Reiseveranstalter*innen über den Reisebürovertrieb bis hin zu den Leistungsträger*innen vor Ort –, Farbe zu bekennen:

  • Faire Partnerschaften statt Ausbeutung: Verträge mit Agenturen und Partner*innen im Zielgebiet müssen so gestaltet sein, dass angemessene Löhne und faire Arbeitsbedingungen garantiert sind.

  • Verantwortungsvolle Produktentwicklung: Produkte müssen gezielt so konzipiert werden, dass Einheimische als gleichberechtigte Partner*innen integriert sind, statt lediglich als Statis*tinnen einer exotischen Urlaubskulisse zu fungieren.

  • Transparenz im Vertrieb: Der Vertrieb im Reisebüro kann sich als echte Beratungsinstanz etablieren, indem aufgezeigt wird, welche Veranstalter*innen und Konzepte die lokale Wirtschaft tatsächlich unterstützen.

Fazit: Die Verantwortung der Tourismusbranche

Eine echte Transformation im Tourismus fällt nicht vom Himmel und lässt sich nicht mit grünen Marketing-Slogans lösen. Sie erfordert Mut zur Regulierung ausländischer Investitionen dort, wo sie lokale Strukturen verdrängen, sowie ein aktives Umdenken bei der Produktgestaltung.

Der Welttourismustag sollte deshalb mehr sein als ein jährlicher Feiertag für Sonntagsreden. Er ist der jährliche Weckruf an uns alle in der Branche: Tourismus hat die Kraft, Leben zu verbessern, Infrastrukturen aufzubauen und kulturellen Austausch auf Augenhöhe zu ermöglichen. Das funktioniert allerdings nur dann, wenn wir Wertschöpfung neu definieren. Weg von der reinen Gewinnmaximierung im Herkunftsland hin zu fairer, nachhaltiger Teilhabe vor Ort. Genau diese Haltung entscheidet darüber, ob unsere Branche auch zukünftig noch eine Daseinsberechtigung hat.

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