In einem Jahr, indem viele Menschen (notgeddrungen) ihr eigenes Land entdecken, die facettenreichen Landschaften und unterschiedlichen Regionen auf eine ganz neue Art und Weise betrachten, ändert sich auch die Kommunikation in den sozialen Netzwerken. Statt den üblichen Regionen wie Mallorca, Ibiza und Co. werden Schnappschüsse von der Ostsee oder aus dem bayrischen Wald geteilt. Auch wenn uns zurzeit keine Fotos von perfekten, weißen Stränden auf den Malediven begegnen, eins bleibt unverändert: Die (vermeintlich) makellosen Schnappschüsse der Reiseblogger und Influencer im digitalen Kosmos. 

Die Definition: Was machen Influencer und Reiseblogger genau? 

Bevor wir Kritik üben, sollten wir zu allererst einmal definieren, womit wir es überhaupt zu tun haben. Influencer oder auch Reiseblogger berichten auf ihren Social-Media-Kanälen oder eigenen Weblogs über ihre Reisen – ob dies ganz unabhängig geschieht? Bleibt in der Regel offen. Sie erstellen professionellen Social-Media-Content und machen uns die jeweiligen Destinationen mehr als schmackhaft. Eine langhaarige Blondine mit der perfekten neuen Sonnebrille hier, ein Backpacker auf einer bunt bebilderten Reise durch Indonesien dort: Das Leben als Reiseblogger scheint nahezu perfekt, der Weg gepflastert von den besten veganen und glutenfreien Restaurants, deren perfekte Bowls in jeden Feed passen und mit Panoramen bestückt, die vor Neid erblassen lassen. Aber jetzt zu den Fakten: Eine Unterteilung des Erfolgsgrades eines Reisebloggers kann an Hand der Größe der Community abgesteckt werden. Demnach haben wir es mit Micro- und Macro-Influencern, aber auch Mega- und Nano-Influencern zu tun. Eine weitere Einstufung kann durch Kategorien wie 

  • Reach – kurz: quantitative und qualitative Reichweite
    (quantitativ: Höhe der Abonnentenzahl / qualitativ: Glaubwürdigkeit des Influencers/Reisebloggers)
     
  • Relevance – Wieviel Vertrauen schenken Follower der Meinung des Influencers?
  • Resonance – beschreibt sie allgemeine Performance/Reaktion – sprich die Anzahl der Interaktionen wie Kommentare, Likes und Nachrichten, die ein Follower dem Influencer entgegenbringt.

vorgenommen werden. Schätzungen zufolge existieren ca. 3000 eigenständige Reiseblogs im deutschsprachigen Raum und die diversen Influencer, also Einflussnehmer mit Kanälen wie Instagram oder YouTube, aber ohne eigenen Blog, kommen zu dieser Zahl noch hinzu. Ein großer Markt mit viel Potenzial, welches auch von der Reisebranche für sich genutzt werden kann. Bloß wie? 

Reiseblogger und Influencer: Die digitalen Pioniere der Reisebranche 

Nachdem wir über ein paar Fakten aufgeklärt haben, kommen wir zum interessanten Teil. Und zwar zu der Frage, wie die Reisebranche das Prinzip der Reiseblogger für sich nutzen kann. Schauen wir uns dafür zu allererst einmal die positiven sowie negativen Seiten des Berufsbildes Reiseblogger bzw. Influencer an. Ich erinnere mich in diesem Atemzug nur zu gern an das Instagram Profil @influencersinthewild – hier wird täglich die Absurdität der Branche verdeutlicht. Aber zurück zum eigentlichen Thema: Influencer und Reiseblogger haben in den letzten Jahren geheime Spots zu regelrechten Massenfotopunkten verwandelt. 

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Hier ein schönes Beispiel von der griechischen Insel Santorini – das passende Hashtag zum Küstenort Oia und der Inselname an sich kommen auf rund fünf Millionen Beiträge. Hier sieht man Touristen über die Dächer klettern und sich gegenseitig aus dem Weg schieben, nur um am Ende die perfekte Kopie des Fotos ihrer Lieblingsinfluencers zu haben. Ein ähnliches Bild spielt sich beim Aufstieg zum Felsvorsprung Trolltunga in Norwegen ab. Anstehen nach einem zehnstündigen Wandermarsch – einzig und allein für den perfekten Schnappschuss. 

 

 

 

Quelle Bilder: https://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/ploetzlich-beruehmt-fuenf-orte-die-unter-instagramtouristen-leiden/story/30720774

Die Definition: Wo fängt PR an und wo hört unabhängiger Journalismus in der Reisebranche auf

Doch nicht nur dieses Phänomen ist eine Konsequenz, die Influencer und Reiseblogger mit sich ziehen. Oft kann der Follower gar nicht unterscheiden, ob eine Empfehlung des Hotels, der Restaurants oder auch einer Unternehmung unabhängig abgegeben wurde. Das Erstellen von hochwertigem Social-Media-Content ist zeitintensiv und teuer, welches eine unentgeltliche Einigung unmöglich macht. Denn im Grunde verdienen die Blogger und Influencer mit ihren Seiten nur seltenst Geld. Sie werden von Veranstaltern bzw. Hotels bezahlt, treffen mit ihnen Vereinbarungen, in denen steht, dass gewisse Stichwörter fallen müssen. In einer Studie der University of Applied Sciences Europe wurde herausgefunden, dass 86,7 Prozent, von 389 untersuchten Blogs, Werbung mit journalistischen Inhalten vermischen, ohne auch nur eine kleinste Kennzeichnung abzugeben. Noch dreister als Schleichwerbung? Die Influencer und Reiseblogger, die sich ihre Follower, Gefällt-mir-Angaben und somit ihre Reichweite erkaufen. Sie fälschen die Anzahl ihrer Unique Visitors (Anzahl Besucher der Website in einem bestimmten Zeitraum) und täuschen damit nicht nur ihre Follower, sondern insbesondere betrügen sie auch Veranstalter bzw. Hotels. Bei diesem heiklen Thema sollten vor allem Auftraggeber aus der Reisebranche vorsichtig sein: Die Glaubwürdigkeit eines Influencers bzw. Reisebloggers sollte niemals allein an den Zahlen und Insights festgemacht werden, sondern von Recherchen und einer gewisser Social-Media-Kompetenz begleitet werden. Media Kits sind lange keine Maßstab mehr, wenn schon Zahlen, dann die offizielle korrekte Einsicht in Google Analytics verlangen. Wenn Klicks gekauft sind, hilft auch die dennoch nur mäßig. 

Sollte ein Entscheidungsträger über Budgetfreigaben eher keine Affinität zu Social Media pflegen, ist es unabdingbar einen erfahreneren Kollegen zu Rate zu ziehen, um Betrügereien vorzubeugen. Wenn man es richtig anstellt können beide Seiten von einem Auftrag profitieren. Denn neben all der Kritik, gibt es durchaus Punkte, bei denen sich die Reisebranche etwas von Influencern bzw. Reisebloggern abgucken kann.  

Arbeiten in der Reisebranche – Abliefern von dort, wo andere Urlaub machen

Natürlich spielt auch ein gewisser Neidfaktor eine große Rolle bei der Arbeit von Influencern in der Reisebranche. Arbeiten wo andere Urlaub machen (neudeutsch: „workation“) stellen sich viele Menschen nicht als wirklichen „Job“ vor. Es ist eher ein Glücksfall, quasi ein Geschenk einer der Auserwählten zu sein. Doch wie umfangreich die Arbeit von einem authentischen Reiseblogger ist, wissen viele gar nicht. Auf der Suche nach den besten Restaurants, den schönsten Ausblicken und dem Erstellen optimierter Artikel und dem passenden Bild- bzw. Videomaterial bleibt meistens keine Zeit, um das gerade Erlebte zu verarbeiten. Wer echte Insights erfahren möchte, der unterhält sich auch mal mit einem Einheimischen, und wer nicht den ohne hin schon super bekannten Hotspot, der jeweiligen Destination als Motiv möchte, vor dem liegen auch mal ein paar Stunden langweilige Autofahrt. Doch das, was einen Influencer in der Reisebranche wirklich ausmacht, ist seine Glaubwürdigkeit und die Verbindung zu seiner Community. Kein Reisekatalog der Welt kann mir eine so persönliche Geschichte zu meinem Reiseziel erzählen, wie mein Lieblingsinfluencer. Die persönliche Verbindung, die ein Influencer zu seinen Followern herstellt und das Gefühl von Nähe, die den großen Identifikationsfaktor begründet, macht einen guten Reiseblogger bzw. Influencer so erfolgreich. Nichtsdestotrotz, ist es natürlich ein Privileg in der Reisebranche als Influencer zu arbeiten.  

Digitaler Fortschritt und Möglichkeiten für die Reisebranche

Neben den Vorurteilen gegenüber Reisebloggern und Influencern sollten wir vor allem schauen, was wir uns für die Reisebranche zunutze machen können. Wie wir wissen, funktioniert das Konzept gerade durch die persönliche Kommunikation und die Verbindung zur Community so gut. Das lässt sich auch auf die konventionellere Reisebranche übertragen. Communitybuilding ist da das Stichwort! Neue Impulse durch weniger bekannte, besser auf die Kundenwünsche zugeschnittene Reisen anbieten, das weckt die Neugierde steigert die persönliche Bindung.  Ein anderer Aspekt, den man sich abschauen sollte: Die Flexibilität der genannten. Die Coronakrise ist das beste Beispiel dafür: Wo Corporate Blogs und Reiseblogs der Veranstalter plötzlich zum Erliegen kommen und alle in Schockstarre verfallen, werden Influencer kreativ: Tipps zum Thema Reisen während Corona, innerdeutsche Reiseziele im Fokus, Recaps zum Thema Reisen in der Krise – all das ist besser, als die Kommunikation plötzlich zu stoppen. Ein Fakt, den viele der Branche zu vergessen scheinen.